Als sich alles wendete

 

Rückblick: Sommer 1989. Wir waren auf Tournee  durch Mecklenburg und Brandenburg mit unserer Gruppe LandLeute (Folkmusik aus Mecklenburg). Es häuften sich Kalamitäten mit unseren Autos. Das war Stress, der für uns heute, 2019, kaum noch nacherlebbar ist. Dazu muss man wissen, dass wir in der DDR, wenn wir ein Problem mit dem PKW hatten, nicht einfach eine Werkstatt aufsuchen konnten, um eine Reparatur in Auftrag zu geben. Keine Termine, keine Ersatzteile, kein Entgegenkommen, keine Hilfe. Da galt nur „Help yourself!“ und das kannten wir zur Genüge in der kleinen DDR und wir Ossis waren ganz gut darin. Doch als Berufsmusikanten, mussten unsere beiden Autos immer rollen, täglich einsetzbar sein, ohne Bastelpausen, sonst gab es Ärger mit den Veranstaltern und dem Publikum und kein Geld.

Unser Frust über dies und das war in diesem Jahr ohnehin schon angeheizt durch die Unzufriedenheit, die sich im Land seit Langem ausgebreitet hatte.

Wir fuhren kreuz und quer durch das Brandenburger Land und immer wieder an Wohngebieten der Sowjetarmee, unserer Besatzer-Freunde vorbei … Gerade in diesem Sommer war es mir über, die eingemauerten, sowjetisch gestalteten Wohnanlagen zu sehen und ich fragte mich und meine Kollegen: Wann ziehen die endlich ab? Ist es nicht lange Zeit dafür? Wir sind im 44. Jahr nach Kriegsende und immer noch unter sowjetischer Kontrolle…

Mit meinem Frust darüber verhinderte ich schließlich auch, dass meine Tochter, die ab September 89 die R-Klasse (Klasse mit erweitertem Russischunterricht, ab 3. Klasse) besuchen sollte, dies nicht tat. Ich, studierte Russischlehrerin, wehrte mich dagegen, auch gegen den Erpressungsversuch des Schuldirektors, der mir über die Klassenleiterin mitteilen ließ, dass mein Kind ohne die R-Klasse besucht zu haben, kein Abitur machen dürfe. Damit war jede Gesprächsbereitschaft bei mir beendet. Jetzt erst recht “nein”. Es war  Frust und Trotz, die mich zu diesem Entschluss bewegten. Damit habe ich aber auch meinem Kind die Chance genommen, die wunderbare russische Sprache zu lernen… Das bedaure ich heute sehr. Der Frust setzte sich im Großen fort.

Wir verfolgten die unglaublichen Dinge, die sich in unserem Land ereigneten. Die Menschen flüchteten scharenweise aus der DDR – über Ungarn, später über die Prager Botschaft. Im September gründete sich die Bürgerbewegung Neues FORUM und machte ihre Forderungen nach grundlegenden Veränderungen innerhalb der DDR auf. In den Kirchen versammelten sich Bürgerrechtler. Es folgten die Montagsdemonstrationen in Leipzig und letztlich im ganzen Land, auch in meiner Stadt. Künstler, verfassten und unterschrieben eine Resolution zur Lage in der DDR und der Forderung, die Belange der Bevölkerung ernst zu nehmen. Viele von ihnen verlasen die Resolution bei ihren Auftritten, um die Menschen darüber in Kenntnis zu setzen, denn die Presse tat es nicht. Auftrittsverbote folgten. Nichtenden wollende Diskussionen im Bekanntenkreis. Die Untätigkeit der politisch Verantwortlichen, im Großen wie im Kleinen. Am 30. Oktober eine beeindruckende Veranstaltung in meiner Stadt Neubrandenburg unter dem Titel „Treten aus dem Schatten Eurer Angst“, bei der Unterhaltungskünstler der Region Stellung bezogen und mit starken Emotionen ein Zeichen für Veränderungsbedarf setzten.  Unvergessen bleibt die Großdemonstration am 4. November in Berlin.

Wir waren so vollgestopft mit Emotionen, unseren Fragen und Ängsten. Nur fünf Tage nach der Demo in Berlin, am geschichtsträchtigen 9. November, geschah das Unfassbare.

Wir saßen am Abend in Familie vor dem Fernsehapparat und verfolgten aufgeregt die Pressekonferenz in der Berliner Mohrenstraße. Der erste Sekretär für das Informationswesen im Zentralkomitee der SED, Günter Schabowski, beantwortete Fragen zu den neuen Reiseregelung, die vorsah, dass DDR-Bürgern künftig nach Westberlin und in die Bundesrepublik reisen und ausreisen dürften. Erst am Ende der Konferenz, um 17:58 Uhr, kam auf die Anfrage eines Journalisten, wann denn die Regelungen in Kraft treten würde. Die versehentliche Antwort Schabowskis: „ab sofort“. (Das “Sofort” war ein Irrtum, wie sich herausstellte.)

Uns stockte der Atem. Wir saßen da wie gelähmt. Völlig fassungslos, versuchten wir, uns die Bedeutung dieses Momentes klar zu machen.

Wir verbrachten die Abendstunden gebannt vor dem Fernseher und verfolgten, was für unglaubliche Szenen sich in dieser Nacht an den Grenzübergängen in Berlin abspielte. Unfassbar!

***

Der 9. November ist in der Geschichte des deutschen Volkes ein besonderer Tag. Zwei Revolutionen begannen an einem 9. November: Die Novemberrevolution 1918/19 und die friedliche Revolution 1989. Aber: An einem 9. November, 1938, war auch die Reichsprogromnacht, in der jüdische Geschäfte, Synagogen, Gebetsräume, Wohnungen und Friedhöfe zerstört und Bücher jüdischer Autoren verbrannt wurden. Das nationalsozialistische Regime führte, organisiert und lenkte, ungeheuerliche Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich durch. Es folgte eine systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, die wenige Jahre später in den nationalsozialistischen Völkermord an Juden, den Holocaust, mündete. Etwa 6 Millionen jüdischer Menschen europaweit wurden seine Opfer.

Im November 2019 gibt es berechtigte Angst vor einer Wiederholung der geschichtlichen Ereignisse. Es wiederholen sich fremdenfeindliche Parolen und Übergriffe, Todeslisten, Ausgrenzung und Hassattacken.

Der 9. November sollte uns daher nicht nur Gedenktag des Mauerfalls sein, sondern auch eine Mahnung zur Wachsamkeit gegen rechtes Gedankengut und rechte Gewalt.

 

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