Mütter heute und gestern

Ich habe längst das Großmutteralter erreicht und meine Jahre hätten mir durchaus auch den Status einer Urgroßmutter zugestanden. Das alles sollte wohl nicht sein, dennoch bin ich mit dem Thema „Kinder“ laufend in Kontakt. Nicht zuletzt durch meine Wahl-Enkelkinder.

Was mich immer wieder zum Staunen bringt – manchmal voller Freude und etwas Neid im Nachhinein, manchmal wegen des modernen Eltern-Wahnsinns – sind die Veränderungen, die sich in der Generation nach mir vollzogen haben. Und hin und wieder ziehe ich Vergleiche.

Als meine Tochter in meinem Bauch war, gab es als umwerfende medizinische Untersuchung den Ultraschall, der mir einen Blick auf das kleine Lebewesen in mir in einem zuckenden, verschwommenen Bild in Schwarz-Weiß ermöglichte. Das war ein erhabenes Gefühl. Mein Mann hatte nur meine Beschreibung des Gefühls. Für ihn konnte ich kein Bild vom werdenden Glück mitbringen.
Heute gibt es ganze Bildserien von dem entstehenden Kind und die Eltern können sich schon lange vor der Geburt auf ein Mädchen oder einen Jungen freuen.
Meine Elterngeneration hatte nicht einmal die leistete Ahnung davon, dass solche Untersuchungen möglich sein könnten… Die Kinder kamen wenig geplant und manche blieben auch nicht.
Und dann die Kinderwagen! Wie schön und praktisch sie heute sind! Drei in einem: Babywagen, Tragekorb, Sportkarre (Buggy). Allerdings kosten sie auch ein kleines Vermögen.
Vor vierzig Jahren waren die Eltern im Allgemeinen auch schon darauf bedacht, möglichst einen schicken, neuen Kinderwagen zu haben. Auch der hatte seinen Preis. Komisch. Mein Mann und ich hatten diesen Neu-und-schick-Anspruch nicht. Wir haben unsere Tochter im „geerbten“ Kinderwagen unseres Neffen, den dessen Eltern als Balkonwagen verschenkten, „groß gemacht“. Aber dafür waren wir ziemlich hipp in Sachen DDR-Buggy. Als diese zusammenklappbare, portable Karre auf den Markt kam, haben wir sofort zugeschlagen. Der Clou war, was uns wieder von anderen Buggy-Fahrern unterschied, dass unser ein abnehmbares Sonnendach hatte, aus Aluminiumdraht und Markisenstoff, Marke „Self-made“. Mein Mann hatte schon immer goldene Hände!

Und was für ein Aufsehen erregte ich, als ich meine Baby-Tochter in einem Tuch am Leib trug. Ich hatte so ein alternatives Tuch in irgendeiner Zeitschrift gesehen und fertigte es an. Es war sehr praktisch. Ich galt als ausgeflippt. Dann baute mein Mann ein Tragegestell aus Schaumgummi, Stoff und Stoffriemen, in dem ich die Tochter durch die Gegend trug. Damals waren solche Extras „hand-made“ und im DDR-Alltag ungewöhnlich. Heute bekommt man die schönsten Sachen beim Babyausstatter und nichts verwundert die Umwelt. Und: Sogar die Papas tragen das Baby am Leib. Prima! Darum beneide ich die neue Generation.
Auch, dass es sooooo hübsche Kindersachen gibt, bringt mich ins Schwärmen. Wie gerne hätte ich meiner Tine auch so hübsche Kleider gekauft wie es sie heute gibt. Zum Beispiel das rote Tüllkleid von unserer kleinen Lora! Das hätte ich auch gekauft und Tini wäre genauso hübsch und stolz darauf gewesen wie Lora. Leider waren hübsche Kleidchen, und Kindersachen überhaupt, bei uns in Ostdeutschland (DDR) Mangelware. Gut, wenn man dann eine Nähmaschine, Ideen und Stoff hatte. Alles das gab es bei mir.
Wenn es dann allerdings im Kaufhaus mal ein hübsches Kleidungsstück gab, mir fällt da Tinas blau-weiß-gestreiftes Sommerkleidchen ein, musste man zufällig darüber herkommen oder danach anstehen.
Anstehen musste man auch, wenn es Windeln gab. Nein, keine Pampers. Die gab es nicht. Wir verwendeten Windeln aus Stoff, aus weichem Mull-Stoff. Wenn bekannt wurde, dass es Windeln zu kaufen gab, stellte sich die Mutter oder die Großmutter an. Am besten, beide stellten sich an und das möglichst in einem Laden, wo man nicht gekannt wurde, denn die begehrte Ware wurde zugeteilt. Da war es nicht gut, wenn die Verkäuferin die Zugehörigkeit von Mutter und Großmutter kannte. Fünf Windeln für eine Person oder einen Haushalt. Wie man es will. Fünf Windeln sind nicht viel.
Was die Mamas (und Papas) von heute nicht kennen, ist, dass diese Windeln nach Gebrauch nicht nur stanken (Das tun Pampers auch.), sondern sie mussten auch vom Stinkenden befreit, vorgewaschen, gewaschen und ausgekocht werden. Dann wurden sie getrocknet, oft gebügelt und wiederverwendet. Das war richtig Arbeit für die werktätigen Eltern. Denn die meisten Frauen gingen im Osten Deutschlands (DDR) nach sechs Wochen Mütterzeit wieder arbeiten. Ich hatte das Glück, dass ich ein ganzes Jahr bei meiner Tochter bleiben konnte. (Dann war es aber auch wieder Zeit, aus dem Kinderpflege-Dasein herauszukommen und berufliche Stärken zu leben.)

Und dann die heutigen Geschenke für die Kinder! Mein Mann und ich waren schon verrückt und haben versucht, unserer Tochter möglichste alle ihre Wünsche zu erfüllen. Aber: Das ist kein Vergleich zum heutigen Geschenkehabitus. (Dabei nehme ich mich nicht aus!) Die Kinder bekommen nicht nur, was sie sich wünschen, sondern noch viiiiiel mehr. Und nicht nur der Weihnachtsmann zuhause bringt die elterlichen Geschenke, sondern auch die Großeltern, die Tanten und Onkels, die Freunde und Nachbarn…. Und die Geburtstage erst! Letztlich entsteht ein Kinderzimmer das einem gut gefüllten Spielwarenladen im kapitalistischen Deutschland gleicht. (Im sozialistischen Deutschland, der DDR, hätten die Spielwarenläden blass dagegen ausgesehen.) Schon für in einjähriges Kind bleibt für die Schenkenden wenig Spielraum, neue Geschenkideen zu finden und umzusetzen.

Fragen tun sich mir auf: Kann man sich über so viele Geschenke auf einmal überhaupt freuen? Überfordern wir unsere Kinder nicht? Wären Absprachen und Einschränkungen nicht pädagogisch und für die Ausbildung eines gesunden Werteempfindens wirksamer?
Kommerzialisieren wir unsere Kinderliebe etwa? Sind wir vielleicht in unserer Zeit und in dieser Gesellschaft, in diesem Land nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen ziemlich maßlos geworden?

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