Mütter von vorgestern

Dies ist eine Geschichte meiner Mutter (Jahrgang 1927). Es ist eine Geschichte von vielen aus der Zeit, als der zweite Weltkrieg 1945 endlich zu Ende war und der Neuanfang für sie mit der Flucht aus ihrem Heimatdorf in Ostpreußen begann. Viele hunderte Kilometer nach Westen führte ihr Weg in ein kleines Dorf – Passow -in Vorpommern. Ein Neuanfang mit – fast- Nichts.
Immerhin fand sie dort einen Mann und seine Familie, die nicht begütert waren, aber ihr dennoch ein neues Zuhause boten.

Muttersorgen einer Flüchtlingsfrau 1948 – Rosa Pautsch erzählt

„Nee, was wir alles gemacht haben! Und woraus wir was gemacht haben! Man vergisst das ja wieder. Manchmal denke ich auch: Wie war das denn überhaupt möglich? Wie hast du das gemacht? …
Wie oft habe ich damals abends im Bett gelegen und gegrübelt: Wo willst du jetzt Sachen für das Kind herkriegen? Woraus machst du jetzt was? Ich hatte für meine Kinder nichts zum Anziehen. Kannst glauben, Annegret.“

Aus alt mach neu

„Ich hatte nur sehr wenige Sachen … darunter einen Pullover. Der wurde dann aufgeräufelt und dann wurde für ’s K i n d was gestrickt. So ging’s dann.
Ich hab aus alten Trikothemden von Männern, alte ausrangierte, da hab ich die guten Stücke rausgeschnitten und hab für meinen Helmut Erstlingshemdchen genäht. Alleine genäht. Mit der Maschine und dann auch mit der Hand … so … damit das nicht drückt… Die Nähte … Das es alles so ’n bisschen glatt und schön ist. Am Hals wurde umhäkelt, ein Band durchgezogen … und so entstand ein Hemdchen für meinen ersten Sohn.
Ich hab auch einige Babyjäckchen für Helmut gestrickt aus ganz dünnem Garn. Das war Fallschirmgarn. Fallschirmseide. Die hatte unser Vater rangetauscht. Und diese Fäden, die Seile, waren in Wachs getaucht … Die haben wir auseinandergepult. Es waren Fäden wie Perlgarn. Und sie waren gewachst. Und dieses Wachs wurde ausgekocht. Kochen, kochen, kochen bis das alles raus war. Das war sehr mühsam. Und nachher waren die Fäden schneeweiß. Und dann konntest du was Schönes draus machen.
Daraus hatte ich zwei Jäckchen gehäkelt. Das war ganz feine, mühsame Arbeit.

Und dann hatte ich noch mal blaues Perlgarn irgendwo aufgetrieben, aufgefunden … so ’n kleenen Rest. Daraus hatte ich ein Jäckchen gestrickt und ich hatte so zwei blaue Streifen reingestrickt. Ach, das war denn ja nun schon ganz schön!
Und Tante Brunhilde, die hat ja nun wieder aus Bindegarn für ’s Getreide etwas gestrickt. Getreide wurde ja damals mit Garn gebunden und das war so ’ne Zellwolle, es war Bindegarn aus Zellwolle… Und diese Zellwolle haben die Menschen gesponnen. Auseinander geplust und gesponnen. Oma machte auch mit. Ganz feine Fäden wurden gesponnen. Und daraus wurden Pullover gestrickt. Und daraus hat Tante Hilde für Helmut noch ein Jäckchen gestrickt. Und ich hab dem Helmut nachher noch so ’n Leibchen gestrickt … auch aus so ’nem Garn. Da war es ja damals noch mit Leibchen und Strippchen und langen Strümpfen. Das ist ja heute alles nicht mehr. So bequem hatten wir’s nicht. Die Strampelhosen … ja … für sonntags und so … mal ’ne Strampelhose, aber … dann hatte unser Vater von Frau Glawe aus Trissow Babywäsche von ihren Kindern gekriegt. Strampelanzüge und auch ’n paar Jäckchen … Die wollte sie später wieder zurückhaben.“

Windeln – von Hand zu Hand

„Und Windeln hatte Tante Käthe mir geborgt. Und die Wickeltücher? … Ich weiß nicht mehr, wo ich die her hatte.
Und als die Margret geboren wurde, da war der Helmut ein Jahr alt. Da musste ich die Windeln zurückgeben, da brauchte Tante Brunhilde sie für Margret. Aber mein Helmut war ja auch noch nicht trocken. Nu sag du mir mal, was ich ihm um den Hintern binden sollte … Ich hatte aber nichts zum Zerreißen. Ich hatte selber nichts. Ich hab bitterlich geweint, … bitterlich geweint. Ich hatte noch einen alten Bettbezug, der war schon so dünn, ganz dünn … der war noch von meinen Eltern. Wir hatten ihn im Fluchtgepäck als Ausstopfmaterial benutzt. Der Bezug war kaputt, doch wegschmeißen konnte man das damals nicht. Der war wie Papier so dünn … Ja, denn hab ich nachts gelegen und überlegt: Mein Gott, was wirst du dem Jungen um den Hintern binden …, der war ja noch nicht sauber. Ich hab ihn abgehalten, ja aber er war noch nicht immer sauber. Ich brauchte ja noch Windeln… vor allen Dingen für nachts … für das Kind. Gummihosen? Nein, war nicht… Gummihosen gab es nicht. Später bekam man solche hässlichen Dinger…
Und dann sagte ich mir: Du wirst dir den Bettbezug noch mal raussuchen. Dann hab ich den doppelt genommen … damit es überhaupt ein bisschen Festigkeit hatte. Der war so lappig und … Also das war wie Perlongardine … Ich musste ihn doppelt nehmen. Dann habe ich das Material mit der Hand durchgenäht, rundum … Mit der Maschine ging das schon gar nicht, weil der Lappenstoff so zerreißbar war und dann hab ich ihn ganz vorsichtig gekocht und aufgehängt und dann wieder … Die Lappen waren kariert, rot kariert. Aber ich war froh, dass ich dem Kind was um den Hintern binden konnte. Ich hab die Lappen dann sauber umnäht. Das musste gehen und es ging. So musste ich mir helfen. Das war nicht so einfach.

Denn hatte ich einen alten Unterrock. Daraus hab ich meinem Helmut ’ne Schlafhose gemacht. Erst mal, dass er unten rum warm war. Für obenrum hab ich dann auch noch was gefunden. Den Schlafanzug zog er dann am allerliebsten an.“

Die Flickenkiste

„Aus nichts, habe ich etwas gemacht, alles aus der Flickenkiste … Du glaubst ja gar nicht, was mein liebster Platz war… Ich habe Omas Flickenkiste durchgesucht und was ich denn noch so an Flicken finden konnte, was meine Eltern bei der Flucht so zwischen den Weckgläsern hatten … Habe gesucht, ob ich nicht noch ein Stück fand … Aus mehreren Stücken habe ich dem Helmut ein Blüschen genäht wie er ein Jahr alt war. Dann hat ich mir von Anna Bischof Musterchen machen lassen für das Blüschen und auch für eine Hose. Und dann hab ich mir überall so Stücken zusammengesucht … was so zusammenpasste oder aus zwei Farben … Ärmel anders und ’ne Passe anders … Aus lauter kleinen Stücken hab ich denn was genäht.
Aber er hatte was anzuziehen. Und das war immer hübsch.“

Der Kinderwagen

„Und dann hab ich mir ’n Kinderwagen geborgt für Helmut. Ich wollte den kaufen, aber Frau Erwin hat ihn mir nicht verkauft. Sie hatte ihn mir geborgt, denn für das nächste Kind werden sie ihn zurück haben wollen.
Das Verdeck war nicht ausgeschlagen … sah nischt aus. Das war mir denn auch so kalt.
Dann hab ich auch wieder die Flickenkiste inspiziert. Und ich fand Stoffreste von meiner Mutter. Die waren auf der Flucht als Schutz zwischen den Weckgläsern gewesen.
Meine Mutter hatte die Bettwäsche noch alleine genäht und dann war so ’n 10 cm langer Streifen abgefallen … Der Stoff lag 1,40 breit und sie hat auf 1,30 genäht nich … Es blieben also lange Streifen übrig. Das war neuer Stoff und das war ’ne feine Sache. Ich hab mir dann überlegt, was ich daraus etwas machen konnte. Dann hab ich aus den Streifen, weiß mit blauen Blumen, so Bettwäschestoff, habe ich meinen Kinderwagen, das Verdeck ausgekleidet. Und du glaubst ja gar nicht wie hübsch das wurde. Wunderhübsch sah das aus! Lauter Steifen zusammengenäht … Aber es war glatt… war nicht irgendwie gekräuselt … ganz glatt hab ich das reingebracht. Alle staunten über meinen hübschen Kinderwagen. Na und nun war es auch noch ein Junge! … Das passte ja gut mit den blauen Blümchen. Alle staunten die über meinen hübschen Kinderwagen.
Und dann hatte ich mir auch eine Wagendecke gemacht … auch aus solchen Resten… weiß mit blau… Es war aber ein anderes Muster. Aber auch weiß mit blau und ’ner Rüsche rum und denn hatte ich das stücken müssen und mitten hatte ich noch einen blauen Streifen zwischengenäht. Ich hatte irgendwo noch was Hellblaues gefunden. … Den Streifen hatte ich dann aber gekräuselt von beiden Seiten. Aber dann so … als wenn das so aussah, als wär das so gewollt. Aber es war alles nur gestückt. Und dann lag mein Jungen schön im Wagen. Zu der Zeit war das ja schon doll was!“

Das Babykörbchen

„Und das Körbchen! … Von Ohls hatte ich … so ’nen uralten Kinderwagen … Da hatte Heinrich schon drin gelegen … und seine ganzen Geschwister. Das war ein Kinderwagen, … ein Korbgestell, … aber weitmaschig … mit Löchern und … sehr hübsch. Das war ein schöner großer Babykorb. Da konnte Helmut bis zu einem Jahr drin liegen. Und den hatte Frau Ohl für ihre vier Kinder als Babykorb. Heinrich hatte ein Gestell darunter angebracht. Das wurde da angeschraubt und denn war das der Babykorb. Und den wollten sie mir borgen. Na, das ist ja fein. Ich hab mir den Korb geholt und hab mir den beguckt und denn hab ich gedacht: Ja, das sieht ja auch so zugig aus da drin und du hast nichts für rundum. Und dann ging’s wieder an die Flickenkiste.
Auf dem obersten Boden war ich zu Hause, da hab ich denn alle Kisten und Kästen durchgewühlt. Da fand ich ’ne alte Gardine von Oma, eine Übergardine … Die war so beige mit Blumenmuster und Bogen und ’ner Rüsche rum. Der untere Teil war zu hell … Den hatte die Sonne total zerfressen. Aber ein Stück konnte ich noch retten. Und da waren auch Rüschen dran, so fertig gekaufte. Und das war schon gut. Denn hab ich das Kaputte abgeschnitten. Dieser Querschal war ja noch am besten. Und den hab ich innen in den Korb reingebracht. Da guckten die Blumen so durch diesen Durchbruch durch. Alles schön befestigt und dann kamen die Betten rein und oben drüber hat unser Vater einen Himmel machen müssen … so ’n Stock … gehalten … Und da kam dann die Übergardine als Himmel rüber und die Rüschen war ’n ja an der Seite dran. Die schlossen grad so mit dem Korb ab. Und da hatte mein Jung ein Kinderbett wie ein kleiner Graf. Hübsch, sehr hübsch. Aber frag nicht …
Der Himmel wurde vorsichtig gewaschen, damit der Stoff ja nicht kaputt geht und noch mit dem Kind aushält. Helmut hat bis zu einem Jahr da drin gelegen und der Stoff hat ausgehalten.
Hübsch sah er darin aus – wie ein kleiner Graf.
Die Schwiegermutter hat auch immer gefragt: „Wo hest denn dat wedder her?“ „Och“, hab ich gesagt, „du weißt ja, dat de Lumpenkist min Revier is. Dor hew ik dat rutsöcht.“

So war’s

„Ja, man hat aus Nichts was gemacht. Ich hab mich bemüht, meine Kinder auch schön zu betten und sauber und ordentlich anzuziehen. Und immer etwas aus irgendwas zu machen. Der Helmut hat keine ungerollte Windel unter den Hintern gekriegt. Ich hab jede Windel gerollt. Die Rolle stand auf dem Boden. Das war günstig. Und wir hatten das Zimmer da oben. Alles, was ich von der Leine holte, wurde gelegt und gerollt. Und die Wäsche war das so schön weich. Da hörte ich wie meine Schwiegermutter mal zu irgendjemandem sagte: „Dat kannst weiten, die Jung kricht keine ungerullte Winnel ünnern Hinnelsten. Die Wäsch wat all rullt.“
Ja, alles sauber und in Ordnung halten … Ich hatte ja auch Zeit, aber da hab ich auch viel drauf gegeben. Obwohl die Sachen geborgt waren… Bi di uk, min Diern.“

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